Leseprobe „Mia und das Wolkenschiff“

… Nach ein paar Metern am Strand versinkt Mia in kniehohem Dünengras. Ratlos betrachtet sie das Haus, das auf dicken Pfosten im Ufersand steht. Schön ist es nicht geraade, denkt sie und mustert die verwitterten Bretterwände. An einer Seite wächst sogar Moos.

Und dann sieht sie ihn: Keine zehn Meter vom Haus entfernt steht ein Leuchtturm. Ein richtiger Leuchtturm mit rot-weißen Streifen! Was für ein Ort für eine Nichtschwimmerin! Weit und breit nichts als Strand und Meer. In der Ferne schimmern ein paar Dächer. Das muss Rabenhorst sein, wo Mia zur Schule gehen wird. Sie kehrt dem Dorf den Rücken zu und läuft ein Stück durch die Dünen.

Plötzlich hört sie jemanden rufen. „Bist du neu hier?“

Oben auf dem Deichweg steht ein blonder Junge mit einem grünen Damenfahrrad. Auf seinem Gepäckträger klemmt eine Schulmappe. Mia winkt ihm zu und nickt.

„Dachte ich mir. Nur die Urlauber rennen durch die Dünen.“

Das ist ja eine nette Begrüßung. Verärgert stopft Mia ihre Hände in die Hosentaschen. Doch der Junge lächelt sie an. Dabei leuchten in seinem Gesicht hundert Sommersprossen.

„Ich renne, wo ich will!“, sagt Mia.

Da zeigt der Junge ins Hinterland, wo auf einer weiten Wiese ein einzelnes Schilfdachhaus steht. „Wenn du den Deich kaputt machst, gehen wir alle baden.“

Verlegen macht Mia ein paar Schritte aus der Düne heraus. Der Junge ist fast einen Kopf größer als sie. Grinsend steigt er wieder auf sein Rad. „Schönen Urlaub noch!“

Sie beißt sich auf die Unterlippe. „Ich bin keine Urlauberin. Ich wohne hier!“

„Wirklich?“ Er mustert sie neugierig. „Wo denn?“

Zögernd zeigt sie in die Richtung, aus der sie gekommen ist.

„Auf Ellis Island? Das Geisterhaus wird doch bald abgerissen, sonst zieht es der nächste Sturm in die Ostsee. Dann kannst du bei den Flundern schlafen!“

Mia will nicht bei den Flundern schlafen. Aber Angst machen lässt sie sich auch nicht. „Und wer sagt das?“, fragt sie und stellt sich vor sein Rad.

Der Junge zeigt auf die roten Dächer in der Ferne. „Alle.“

Mia hält das Haus auch nicht gerade für sturmtauglich. Vielleicht haben alle ja Recht. Aber jetzt ist Ellis Island ihr Zuhause und das beleidigt niemand. Und ihre Familie auch nicht.                  „Meine Mama baut Brücken“, sagt sie und kickt einen Stein gegen sein Vorderrad.

„Deine Mama, soso.“ Der Junge grinst wieder.

„Und mein Papa arbeitet im Krankenhaus. Er ist Arzt.“

„Ihr seid wohl eine ganz schlaue Familie.“

Mia schaut ihn verlegen an. Was ist denn auf einmal in sie gefahren?“

„Und du?“, fragt er auf einmal, „kannst du auch was?“

Sie spürt, wie sie rot wird und schaut aufs Meer. „Ich kann schwimmen“, schießt es plötzlich aus ihr heraus. „Ich war die Beste in meiner Klasse!“ Dann rennt sie mitten durch die Dünen davon.

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