Leseprobe „Man küsst sich immer zweimal“

Nach dem Unterricht am nächsten Mittag war Sophie fest entschlossen, ihren Vortrag endlich fertigzubekommen, um mit Nikos den Rest ihres letzten freien Nachmittags allein zu verbringen. Doch es kam anders. Keine fünf Meter entfernt wartete Charlotte, ein selbstsicheres Grinsen im Gesicht, neben einem schnöden BMW. Wahrscheinlich der Einkaufswagen der Familie Beiers-dörfer, diesmal saß ihre Mutter am Steuer.

„Steig endlich ein!“, rief sie ihrer Tochter zu. „Wir sind schon spät dran!“

„Willst du mitkommen?“, fragte Charlotte Nikos, ohne Sophie im Geringsten zu beachten.

„Autofahren?“ Nikos schüttelte den Kopf.

„Nein, reiten. Wir fahren zum Reiterhof.“

Da tat Sophie etwas, von dem sie selbst überrascht war. „Natürlich will er mitkommen, Charlotte“, hörte sie sich sagen. „Reiten ist doch klasse.“ Und sie schob Nikos Richtung BMW. „Ich finde es toll, dass du mir endlich mal dein Pferd zeigst, wo ich doch deine Freundin bin.“

Charlotte schaute sie sprachlos an. Doch ehe sie etwas erwidern konnte, hatte Sophie schon die Tür zur Rückbank geöffnet. „Hallo, Frau Beiersdörfer“, sagte sie und stieg rasch ein. „Ich bin Sophie.“ Gleichzeitig zog sie Nikos mit sich auf die Rückbank, so dass Charlotte nur noch der Beifahrersitz neben ihrer Mutter blieb.

„Hallo, Sophie!“, sagte Frau Beiersdörfer freundlich mit Blick in den Rückspiegel.

Damit erst gar keine Missverständnisse aufkommen konnten, stellte Sophie auch Nikos gleich vor. „Das ist mein Freund, Nikos. Vielen Dank, dass Sie uns auf den Reiterhof mitnehmen.“

„Schön, dass ich deine Freunde endlich einmal kennenlerne, Schatz“, sagte Charlottes Mutter zu ihrer Tochter und fuhr los.

Charlotte kochte. So hatte sie sich das Ganze nicht ausgemalt. Auch Sophie hatte sich den Nachmittag mit Nikos ganz anders vorgestellt. Aber manchmal musste man Prioritäten setzen. Und ihr Englisch-Vortrag gehörte im Moment leider nicht dazu. Doch was machte sie hier gerade?, dachte Sophie, während der BMW die Stadt verließ. Sie erklärte Charlotte den Krieg. Das hatte noch niemand aus der Klasse gewagt. Sie musste komplett verrückt sein.

Als sie eine halbe Stunde später beim Reiterhof ankamen, fiel Sophie ein, dass sie noch nie in ihrem Leben auf einem Pferd gesessen hatte. Da war ihr Mut mal wieder größer als ihr Verstand gewesen. Beim Anblick der schnaubenden Pferde im Reitstall wurde ihr flau im Magen.

Charlottes Pferd war ein wunderschöner Schimmel. Er wieherte leise, als Charlotte ihn begrüßte. „Das ist Susi. Du kannst aber gern O’Henry nehmen“, sagte sie lächelnd zu Sophie und öffnete die Nachbar-Box.

„Ich weiß nicht“, meinte ihre Mutter. „Ist Susi nicht besser?“

„Die kann doch Nikos nehmen“, meinte Charlotte schulterzuckend.

Susi war eine gemütliche, runde Pferdedame mit warmen Augen. Sie fraß Sophie gleich aus der Hand, als sie ihr eine Mohrrübe hinhielt. O’Henry dagegen war ein ehemaliges Rennpferd, schlank, groß und schwarz wie die Nacht. Er hatte nur eines in seinem nervös schnaubenden Schädel. Und das war Rennen. Aber da musste Sophie jetzt durch. Sie dachte kurz an ihren Eselsritt auf Kreta. Das hier würde ungleich schwieriger werden, denn das Vieh wollte sich nicht mal in Ruhe satteln lassen.

„Du kannst doch reiten, Sophie?“, fragte Charlottes Mutter, der Sophies Respekt vor O’Henry nicht ganz entgangen war.

„Natürlich kann sie das!“, sagte Charlotte. „Sie ist nur etwas aus der Übung.“

Während Frau Beiersdörfer und ihre Tochter verschwanden, um sich umzuziehen, standen Sophie und Nikos mit ihren beiden Pferden auf dem Hof und warteten. O’Henry drehte fast durch, ungeduldig scharrte er mit den Hufen, so dass Sophie ihn kaum halten konnte.

„Kannst du reiten?“, fragte sie Nikos leise.

„Bisschen“, sagte er und streichelte die sanfte Susi. „Meine Onkel hat zwei Pferde.“

Da war sie also die einzige Anfängerin hier. Hoffentlich brachte der Gaul sie nicht um. Immer wieder stieß er gegen ihre Hand, die das Halfter hielt. Das blöde Rumstehen dauerte ihm eindeutig zu lange. Endlich tauchte Charlotte mit ihrer Mutter wieder auf. Die beiden sahen aus, als wären sie einem britischen Pferdemagazin entstiegen mit ihren weißen engen Hosen, den langen Reitstiefeln und kurzen, kecken Jäckchen. Sophie dagegen in ihren alten Jeans und Turnschuhen wirkte wie der Stallbursche. Charlotte gab jedem eine Reitkappe und stieg auf.

Wenn Sophie nur wüsste, wie sie auf den himmelhohen Gaul hinaufkommen sollte. Als die drei anderen bereits in ihren Sätteln saßen, sprang Nikos noch einmal von Susi ab und half ihr hoch. Charlottes Mutter schlug einen Querfeldeinritt über die Wiesen und in den angrenzenden Wald vor und ritt als Erste los.

Als Frau Beiersdörfer ein Stück vom Reiterhof weg war, tat Charlotte etwas, das Sophie ihr nie verzeihen würde. Aber was hatte sie erwartet? Während O’Henry immer wieder steil nach oben stieg, weil er dem jungen Hengst von Charlottes Mutter endlich nachwollte, klatschte Charlotte plötzlich laut in die Hände. Es klang wie ein Schuss. O’Henry stieß ein freudiges Wiehern aus – das war sein Startzeichen und er preschte auf und davon.

„Sophie!“, schrie Nikos ihr nach.

Doch seine Susi war viel zu langsam, um mit O’Henry Schritt zu halten. Der rannte jetzt um sein Leben, während Sophie versuchte, ihres nicht zu verlieren. Sie hüpfte wie ein Ping-Pong-Ball im Sattel, jeden Moment darauf gefasst, herabzustürzen. Hinter sich hörte sie Charlotte laut lachen. Doch sie wagte nicht, sich umzudrehen, denn keine fünfzig Meter vor ihr tat sich ein breiter Wassergraben auf.

Wenn sie gewusst hätte, dass O’Henry Europameister im Spring-Derby gewesen war, hätte sie vielleicht etwas weniger Angst gehabt. Doch so sah Sophie bereits ihr Ende auf sich zu rasen. Sie krallte sich in der dichten Mähne fest und schloss die Augen, als das Pferd mit einem gewaltigen Satz absprang und auf der anderen Seite mit einem ebenso gewaltigen Ruck wieder aufsetzte. Knirschend krachten ihre Zähne aufeinander.

„Halt dich fest, Sophie!“, brüllte Nikos aus der Ferne.

Na, was glaubte er denn, was sie die ganze Zeit versuchte? Fliegen lernen? Irgendwie war es ihr gelungen, die Zügel wieder in die Hände zu bekommen. O’Henry ließ sich davon aber nicht beeindrucken. Als sie an ihnen zog, brach er nur unwillig nach rechts aus. Also ließ sie das lieber sein.

„Bleib stehen!“, brüllte sie ihm ins Ohr. „Stopp! Brrrr! Halt!“

Doch er wieherte nur genervt. Lange würde Sophie sich nicht mehr im Sattel halten können. Ihr ging langsam die Kraft in den Beinen aus. Nikos und Charlotte waren weit zurückgefallen. Und dann sah sie sie plötzlich – eine dicke fette Eiche! Mittlerweile waren sie am Ende der Wiese angelangt, doch ihr Renngaul dachte nicht daran, den Schritt zu verlangsamen. Im Gegenteil, er schien sich jetzt erst richtig warmgelaufen zu haben.

Ist er blind?, dachte Sophie entsetzt, als er weiter auf die Eiche zuhielt. In genau diese Richtung war Charlottes Mutter mit ihrem Pferd verschwunden. Und offensichtlich wollte O’Henry sie immer noch einholen. Mit ungebremstem Tempo. Sollte sie abspringen? Dabei brach sie sich garantiert den Hals.

Als O’Henry unter der Eiche durchraste, hatte Sophie das Pech, dass ihr Kopf sich in Höhe der unteren Äste befand. Als ihr der erste ins Gesicht klatschte, ließ sie vor Schreck die Zügel los. In ihrer Panik versuchte sie, sich in dem dichten Blättergewirr festzuhalten. Aber ihre Füße hingen noch in den Steigbügeln. Für einen Moment glaubte sie, sie würde in Stücke gerissen. Doch plötzlich waren ihre Füße frei – und O’Henry stürmte ohne sie weiter.

Sophie hing an einem schwankenden Ast, drei Meter über dem Boden. Sie rechnete jeden Moment damit, dass er abbrechen und sie zu Boden stürzen würde. Doch er schien zu halten. Vorsichtig zog sie sich daran hoch. Als Charlotte und Nikos auf ihren Pferden herankamen, saß sie immer noch dort, mit zerkratztem Gesicht und rasendem Herzen.

„Ich dachte, wir gehen reiten und nicht klettern“, rief Charlotte in den Baum hoch.

„Das ist kaukasisches Wald-Derby“, sagte Sophie. „Noch nie davon gehört?“

„Und wo ist O’Henry?“, fragte Charlotte wütend.

„Das musst du ihn schon selbst fragen.“

„Wir sehen uns auf dem Reiterhof“, knurrte sie und ritt weiter in den Wald, um ihren durch-gegangenen Renngaul einzufangen.

Selbst schuld, dachte Sophie. Warum musste sie auch klatschen?

„Sophie“, sagte Nikos. „Ich hatte so Angst!“

„Wirklich?“

„Das Pferd ist gerannt wie die Blitz!“

Sophie baumelte mit den Beinen auf ihrem Ast. „Ich hatte auch Angst“, sagte sie leise.

„Aber warum bist du auf so ein Pferd gestiegen?“

Wegen dir, wollte sie sagen. Aber sie traute sich nicht […]

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